Efaeyia - Auszug Band 1 (Racalla - die Bestimmung):
Racalla lag auf einer Lichtung im Chalgari Wald. Die Wiese um sie herum wogte im leichten Wind, die Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase. Die Augen hatte sie geschlossen und sah die Sonne durch die Augenlider Muster vor ihr malen. Von den vereinzelten Wildblumen auf der Wiese strömten dezente Düfte zu ihrer feinen Nase herüber. Sie konnte Traubenhyazinthe, Disteln und einen Sommerflieder wahrnehmen. Oft zog es sie in letzter Zeit zu diesem einsamen Ort, hier konnte sie ausgezeichnet ihren Gedanken nachhängen. Diese kreisten immer öfter um ihr elbisches Blut.
Was unterschied sie von den Menschen? Sie kannte ihre stärkeren Sinne, inzwischen hatte sie sich massenweise ausprobiert und bekam langsam eine Ahnung davon, welche Kräfte sie hatte. Sie hätte gerne gewusst, ob sie im Vergleich zu einer Elbin ihres Alters stark war. Oder klug. Oder hübsch. Sie hatte keine Ahnung von ihrer „Norm“. War sie ihrem Alter voraus? Und konnte es stimmen, was der alte Cainard erzählte? Dass sie den Dunkelelben angehörte, eine geborene Kriegerin war?
Er schloss es aus ihrem Hautton, ihrer Statur, besonders aus ihrer Augenfarbe. Diese sei typisch für die Dunkelelben. Daran hätte er sie sofort als Dunkelelbin erkannt, hatte er ihr gesagt. Sie war ja wirklich ausgezeichnet bei der Jagd. Aber sie schob es darauf, dass sie dies schon früh lernte und täglich trainierte. Sollte es tatsächlich in ihrer Natur stecken? War sie geboren, um zu töten?
Auf einmal wehte der Duft von Was7 serlilien zu ihr herüber. Racalla verzog keine Miene, doch in ihrem Hirn arbeitete es fieberhaft. Woher kam dieser Duft? Er konnte hier eigentlich nicht auftauchen, außer, es war nur ein ähnlicher Duft, der von etwas ausging - oder jemanden - das oder den sie nicht kannte. Sie lauschte angestrengt und versuchte, nicht zu verraten, dass sie etwas bemerkt hatte.
Da! Das Geräusch, wenn ein Körper Farngräser streift, nicht allzu weit hinter der Lichtungsbegrenzung, hinter den ersten Baumreihen. Auf einmal war Racalla sicher, dass sie beobachtet wurde. Sie überlegte, was sie mit dieser Information anfangen sollte. Würde sie sich bewegen, würde der Beobachter sicherlich verschwinden. Sie wollte aber wissen, wer sie da im Blick behielt. Andererseits war sie blitzschnell, kein Mensch würde ihr entkommen können. Sie könnte aufspringen und in die Richtung rennen, dann würde sie denjenigen, der sie beschattete, sicher schnell einholen. Racalla horchte erneut. Versuchte, die Richtung ganz exakt auszumachen. Rief sich in Erinnerung, welche Bäume dort standen. Es gab genug Buchen, auf die sie klettern konnte, um ihre Aussicht zu verbessern, falls nötig. Eine neue Regung des mysteriösen Fremden drang an ihre Ohren. Sie beschloss, das Wagnis einzugehen.
Racalla spannte unauffälig jeden Muskel an, atmete tief ein und war mit einem Satz auf den Füßen. Sie rannte wie ein angreifender Wolf auf das Dickicht zu. Erstaunt zuckte sie zusammen, ohne das dies ihre Geschwindigkeit verringert hätte. Hinter den Fliederzweigen sah sie langes, rötliches Haar fliegen. Ein Mädchen? Wer hatte sie da beobachtet? Racalla rannte und stellte verwundert fest, dass sie keineswegs so viel Boden gut gemacht hatte, wie zu erwarten war. Das Mädchen war schnell - zu schnell für einen Menschen. Racalla konnte ihre Bewegungen in der Ferne ausmachen, geschmeidig tauchte die Fremde zwischen den Bäumen hindurch, sprang über Wurzeln hinweg und drehte sich nicht ein einziges Mal um.
Konnte dies - war das eine Elbin? Racallas Puls beschleunigte sich. Das konnte kein Zufall sein - sie sinnierte über andere Elben und in diesem Moment tauchte einer auf? Die Gestalt war zierlich und etwa genauso groß wie Racalla, sah allerdings nicht so muskulös aus. Sie war eher anmutig wie der Wind, während Racalla eher die rohe Geschmeidigkeit von Raubtieren mit sich brachte. Racalla beschloss, aufs Ganze zu gehen. Sie feuerte ihre Muskeln an, sie schneller zu tragen, sie rannte, wie sie noch nie gerannt war. Ihre Gestalt schien zu verschwimmen, und zum ersten Mal in ihrem Leben spürte Racalla, dass ihr Körper an seine Grenzen ging. Ihr Puls ging schneller, ihr Atem flacher, sie ermahnte sich, tiefer zu atmen, um ihre Muskeln weiterhin mit dem nötigen Sauerstoff für diese Anstrengung zu versorgen. Racalla schloss etwas näher zu der Unbekannten auf. Dennoch lagen mehrere Meter zwischen ihnen, und der Wald wurde dichter. Die Elbin vor Racalla schien sich hier bestens auszukennen. Nein! Sie durfte ihr nicht entkommen. Da vorne liefen Antworten, möglicherweise die Antworten, auf die sie wartete! Sie würde nicht aufgeben!
Racalla bemerkte, dass die Elbin vor ihr nicht mit derselben Kondition aufwarten konnte wie sie. Daher konzentrierte sie sich darauf, ihre Kraft einzuteilen, um den Abstand nicht größer werden zu lassen, aber auch vorerst nicht zu versuchen, ihre Beobachterin einzuholen. Die Zeit würde dies für sie erledigen, solange sie nur nicht den Blickkontakt verlor. Sie musterte die Fremde, während sie ihr folgte. Sie trug geschnürte Lederstiefel, einen wadenlangen, grünen Rock, der auf beiden Seiten bis hinauf zur Hüfte geschlitzt war. Dort wurde er von einem breiten, braunen Ledergürtel gehalten, an dem mehrere kleine Beutel und ein Dolch hingen. Sie trug ein Leinenhemd und ein grünes Mieder, sehr schlicht, soweit Racalla erkennen konnte. Ihr Atem ging Stoßweise. Die Elbin vor ihr wurde langsamer, der Abstand zu Racalla verringerte sich immer weiter. Jetzt mobilisierte Racalla all ihre Kraftreserven, sie nahm riesige Schritte, eher als würde sie springen denn rennen. Mit einem kräftigen Absprung setzte sie der Elbin vor ihr nach, Racalla hechtete, landete hart längsseits auf dem Waldboden - und erwischte das Mädchen am Sprunggelenk. Unwirklich grüne Augen blickten sie erschrocken an.
Projekt:Echolon (Band 1 von 2, 2 erscheint noch dieses Jahr!)
Chris greift nach einem der freiliegenden Kabelstränge an der Wand und überprüft die Spannung mit einem kleinen, tragbaren Gerät. Dann dreht er vorsichtig ein Ventil an einer der Rohrleitungen, um den Druck zu regulieren. Schließlich zieht er ein abgenutztes Tuch aus seiner Tasche und wischt Ölspuren von einer Schalttafel, bevor er sie wieder sorgfältig verschließt. Interessiert beobachte ich ihn, bevor ich mich wieder in meine Unterlagen vertiefe. Es ist angenehm, mit meinem Bruder zu schweigen, während jeder seine Aufgaben erledigt. Er ist das letzte, im selben Habitat lebende Mitglied meiner Familie und die Bindung zwischen uns bedeutet mir viel. Wenn wir so Zeit miteinander teilen, dann spüre ich dieses Band zwischen uns ganz intensiv und es schenkt mir etwas Frieden. Auf dem Heimweg schaue ich doch noch am Brunnen vorbei. So nennen wir ein altes Becken, in dem sich bei starken Regenfällen draußen Kondens- und Tropfwasser sammelt. Trinken sollte man das Wasser nicht, aber nach einem langen Schultag kann man am Rand sitzen und seine Füße darin hängen lassen, um sich etwas zu erfrischen. In den unteren Ebenen ist es immer ziemlich warm. Kameras gibt es hier kaum, nur ein einzelnes rotes Licht flackert in einer Ecke. Lex ist noch da und mit ihm Nora, seine Freundin. Ich muss mich durch ein paar andere Jugendliche hindurchschieben, um zu der Gruppe abseits zu gelangen. Nora ist ein aufallend hübsches Mädchen, das immer an der Grenze des Erlaubten balanciert. Ihr grauer Schüleroverall ist an der Taille enger gefasst und mit einer Brosche verziert, ihr grünes Haar trägt sie immer offen. Bei den beiden steht außerdem ein junger Typ, den ich nicht kenne. Beide Jungs tragen Frisuren exakt nach Vorschrift, unter einem Zentimeter. Lex verstößt schon genug gegen die Regeln, weil er eine Freundin hat. Das wäre gar nicht erlaubt, da wir ja später Partner zugeteilt bekommen sollen. “Jake, was geht?", begrüßt mich Lex erfreut.
“Hab meinem Bruder Essen gebracht und Hausaufgaben gemacht. Und bei euch?”
Ich klopfe seinen Handrücken mit meinem ab und schnuppere den süßen Duft von Syntec-Marihuana. Eine synthetische Neuzüchtung, die still und heimlich in den Gewächshäusern des Habitats aufgegangen war wie Unkraut. Bestimmt rein zufällig. Die Duftwolke hängt um die Dreiergruppe herum, beim Betreten der kleinen Halle hier habe ich noch nichts gerochen. Nora winkt mir schweigend. Ich hebe zwei Finger zum Gruß. Lex deutet auf den jungen brünetten Mann: “Das ist Ben.” Dann stellt er mich vor. “Jake, aus meinem Jahrgang. Mechanican.”
Wir nicken einander zu. Manchmal überrascht 18 es mich, dass es noch Leute im Habitat gibt, die ich nicht kenne. Aber es ist eben groß und trotzdem leben wir hier so dicht gedrängt, dass es bei vermehrten Schwangerschaften auch erhöhte Umsiedelungszahlen gibt. Der große Junge ist mindestens neunzehn, vielleicht auch älter. Er arbeitet also schon. “Du wirst mal Mech?”, will Lex’ Bekannter wissen.
“Das hoffe ich. Was machst du?”, frage ich. Ben lehnt lässig an der Wand, sein Blick aus den blaugrauen Augen ist etwas verklärt.
“Zucht und Verarbeitung von Lebensmitteln.” Er grinst breit und ich weiß, wer Lex das SynMa, wie es in den Gängen heißt, besorgt hat. “Cool. Wichtiger Job.”
“Ja, voll. Mit bisschen Glück schaffste es in die Zuchtkarriere und kannst sogar einmal im Jahr mit den Sicherheitskräften raus aus der Kuppel, um nach Pflanzen und Samen zu suchen. Das wär klasse.”
Aus der Kuppel raus? Das ist wirklich interessant. Ich habe nicht gewusst, das Lebensmittelzucht diese Option beinhalten kann. “Klingt wie ein Traum. Viel Erfolg!”
Nach Chris eindringlicher Warnung vom Nachmittag ziehe ich es vor, nicht zu begeistert zu wirken. Mein Bruder hat recht. Es ist gefährlich. Ich erinnere mich an einen älteren Herren, der ein paar Wohneinheiten weiter auf unserer Ebene gelebt hat. Der Mann hat laut und deutlich über das System geflucht und plötzlich war er umgesiedelt worden, ohne die übliche Vorlaufzeit. Abends hatte ich ihn noch beim Betreten unseres Wohnabteils gegrüßt, am nächsten Morgen traf ich seine Frau allein und mit verheultem Gesicht auf dem Gang. Als ich Chris danach fragen wollte, verbot er mir das erste Mal den Mund.

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